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Was kostet Zuverlässigkeit?

Volatilität bewerten

Teil 2 einer dreiteiligen Analyse von Speicherdimensionierung und Leistungsauslegung unter realen Nachfragebedingungen


Zusammenfassung

In Teil 1 haben wir gezeigt, dass stochastische Planung die Verfügbarkeit bei nahezu gleichen Kosten verdreifacht – und dass der Wechsel auf eine höhere Leistungsklasse die gesamte Pareto-Front verschiebt. Doch die Pareto-Fronten beantworten eine wirtschaftliche Kernfrage nicht: Was kostet der nächste Prozentpunkt Versorgungssicherheit?

Dieser zweite Teil führt eine ökonomische Impact-Perspektive ein. Keine hypothetischen Schadenskosten, keine spekulativen Ausfallbewertungen – sondern rein investitionslogische Kennzahlen, die direkt aus den Monte-Carlo-Ergebnissen ableitbar sind. Das Ergebnis: Die Grenzkosten der Zuverlässigkeit unterscheiden sich je nach Leistungsklasse um bis zu zwei Größenordnungen – und es gibt harte No-Go-Grenzen, die keine Investition überwinden kann.


Die Grenzkosten der Zuverlässigkeit

Die Pareto-Fronten aus Teil 1 zeigen den Trade-off zwischen Kosten und Verfügbarkeit. Doch für eine Investitionsentscheidung braucht man die Ableitung: Wie steil ist die Kurve an der Stelle, an der ich mich befinde?

Wir definieren die Incremental Cost of Reliability (ICR) – die Grenzkosten pro zusätzlichem Prozentpunkt Versorgungssicherheit, berechnet entlang der geglätteten Pareto-Front je Leistungsklasse:

ICR=ΔCΔr

Incremental Cost of Reliability je Leistungsklasse Abbildung 1: ICR als Funktion der Verfügbarkeit. Gestrichelte Linien markieren die Regime-Grenzen (85 % / 95 % / 99 %). Bei 3 und 4 MW bleibt der ICR bis ~90 % nahe null – bei 2 MW steigt er bereits ab 80 % steil an und erreicht bei 95 % fast 0,5 €/kg pro Prozentpunkt.

Die ICR-Werte an Schlüsselpunkten zeigen ein klares Muster:

Verfügbarkeit ICR bei 2 MW ICR bei 3 MW ICR bei 4 MW
80 % 0,035 0,004 0,018
85 % 0,116 0,002 0,012
90 % 0,192 0,007 0,007
95 % 0,495 0,060 0,005
98 % 0,926 0,247 0,023

Alle Werte in €/kg pro Prozentpunkt Verfügbarkeit.

Die Unterschiede sind dramatisch. Bei 3 MW kostet ein zusätzlicher Prozentpunkt Verfügbarkeit bis 90 % praktisch nichts – der ICR liegt unter 0,01 €/kg. Erst oberhalb von 95 % steigt er spürbar, und ab 98 % explodiert er. Das ist der Punkt, ab dem jeder weitere Prozentpunkt unverhältnismäßig teuer wird.

Bei 4 MW bleibt der ICR bis 95 % unter 0,02 €/kg – die Kurve ist fast flach. Hohe Verfügbarkeit ist hier kein Luxus, sondern kostet kaum mehr als moderate Verfügbarkeit. Der Grund: Die Erzeugungsleistung ist so dimensioniert, dass der Speicher nur noch kurzfristige Spitzen abfangen muss – und genau das ist seine effizienteste Rolle.

Bei 2 MW dagegen liegt der ICR schon bei 85 % bei 0,12 €/kg – und bei 95 % bereits bei 0,47 €/kg. Jeder weitere Prozentpunkt wird zum Luxusgut. Die Erzeugungsleistung ist zu knapp, und der Speicher muss eine strukturelle Lücke füllen, die exponentiell teurer wird.


Regime-Kosten: Was kostet der Sprung in die nächste Liga?

Für Investitionsentscheidungen braucht es keine kontinuierliche Kurve, sondern diskrete Schwellen. Wir definieren drei Verfügbarkeits-Regime:

Regime Bezeichnung Schwelle
B Operativ stabil ≥ 85 % verfügbar
C Hochverfügbar ≥ 95 % verfügbar
D Quasi-kontinuierlich ≥ 99 % verfügbar

Für jedes Regime ermitteln wir den minimalen CAPEX auf der Pareto-Front:

Leistung Regime B (≥ 85 %) Regime C (≥ 95 %) Regime D (≥ 99 %)
2 MW 3,48 €/kg 6,12 €/kg nicht erreichbar
3 MW 3,32 €/kg 3,48 €/kg 4,25 €/kg
4 MW 3,73 €/kg 3,73 €/kg 3,81 €/kg

Und die Sprungkosten zwischen den Regimen:

Leistung → B (≥ 85 %) B → C C → D
2 MW +1,57 €/kg +2,63 €/kg n.e.
3 MW +1,40 €/kg +0,17 €/kg +0,77 €/kg
4 MW +1,81 €/kg +0,00 €/kg +0,08 €/kg

Sprungkosten relativ zum Referenz-CAPEX bei kontinuierlichem Betrieb (1,91 €/kg).

Regime-Kosten gestapelt über C_ref für 2, 3 und 4 MW Abbildung 2: Gestapelte Regime-Kosten je Leistungsklasse. Die Farbblöcke zeigen die Sprungkosten für jedes Verfügbarkeitsregime. Bei 2 MW dominiert der Sprung B→C (blau) – bei 4 MW ist der Gesamtbalken kaum höher als das Basisregime allein.

Die Tabellen erzählen drei verschiedene Geschichten:

2 MW – die Sackgasse. Der Einstieg in Regime B ist noch darstellbar (3,48 €/kg), aber der Sprung nach C kostet 2,63 €/kg mehr – fast eine Verdopplung. Regime D ist physisch nicht erreichbar: Egal wie viel Speicher investiert wird, die Erzeugungsleistung kann bei vier Verbrauchern keine 99 % Verfügbarkeit garantieren. Das ist kein Kosten-, sondern ein Strukturproblem.

3 MW – der Sweetspot. Regime B ist die günstigste Option über alle Leistungsklassen (3,32 €/kg). Der Sprung nach C kostet nur 0,17 €/kg – ein verschwindend geringer Aufpreis für einen erheblichen Verfügbarkeitszuwachs. Erst Regime D wird mit +0,77 €/kg deutlich teurer. Für die meisten Projekte ist 3 MW die kostenoptimale Wahl.

4 MW – die Versicherung. Der Basispreis ist höher (3,73 €/kg), aber die Sprungkosten sind nahezu null: Regime B und C kosten exakt dasselbe, und Regime D kostet nur 0,08 €/kg mehr. Wer von vornherein hohe Verfügbarkeit braucht, fährt mit 4 MW unter Umständen günstiger als mit 3 MW + viel Speicher.

Kostenoptimale Leistungsklasse pro Regime:

Anforderung Optimale Leistung Min. CAPEX
≥ 85 % (operativ stabil) 3 MW 3,32 €/kg
≥ 95 % (hochverfügbar) 3 MW 3,48 €/kg
≥ 99 % (quasi-kontinuierlich) 4 MW 3,81 €/kg

Der Preis der Volatilität

Bei kontinuierlichem, gleichmäßigem Betrieb – also ohne jede Nachfragevolatilität – läge der spezifische CAPEX bei 1,91 €/kg. Die Differenz zwischen diesem Referenzwert und den realen Kosten ist der Volatilitätsaufschlag: die zusätzliche Kapitalintensität pro Kilogramm, die allein durch die Schwankungen der Nachfrage entsteht.

Konfiguration Verfügbarkeit Spez. CAPEX Aufschlag Aufschlag relativ
3 MW, r ≈ 85 % 84,7 % 3,31 €/kg +1,40 €/kg +73 %
3 MW, r ≈ 90 % 89,9 % 3,33 €/kg +1,42 €/kg +74 %
3 MW, r ≈ 95 % 95,1 % 3,48 €/kg +1,57 €/kg +82 %
3 MW, r ≈ 99 % 99,0 % 4,23 €/kg +2,32 €/kg +121 %
2 MW, r ≈ 95 % 95,0 % 6,12 €/kg +4,20 €/kg +220 %
4 MW, r ≈ 95 % 95,1 % 3,73 €/kg +1,82 €/kg +95 %
4 MW, r ≈ 99 % 99,0 % 3,81 €/kg +1,89 €/kg +99 %

Keine Schadensannahme, keine hypothetischen Ausfallkosten. Rein investitionslogisch: So viel kostet die Realität mehr als die Theorie.

Volatilitätsaufschlag über Speichergröße für 2, 3 und 4 MW Abbildung 3: Volatilitätsaufschlag ΔC = C - C_ref als Funktion der Speichergröße. Die 3-MW-Kurve zeigt ein Minimum bei ~1,5 t – der Sweetspot, an dem der Aufschlag am geringsten ist. Bei 2 MW steigt der Aufschlag ab ~3,5 t überproportional: Mehr Speicher kompensiert hier zunehmend eine strukturelle Erzeugungslücke.

Drei Beobachtungen stechen heraus:

Bei 3 MW ist der Volatilitätsaufschlag von 85 % bis 90 % Verfügbarkeit praktisch konstant (+73 % bis +74 %). Man zahlt den Preis für Volatilität einmal – und bekommt dafür einen breiten Verfügbarkeitskorridor. Erst ab 95 % steigt der Aufschlag merklich, und bei 99 % verdoppelt er sich gegenüber dem Referenzpreis.

Bei 2 MW und 95 % Verfügbarkeit beträgt der Aufschlag +220 % – mehr als dreimal so hoch wie bei 3 MW für dasselbe Verfügbarkeitsniveau. Volatilität und Unterkapazität multiplizieren sich.

Bei 4 MW liegt der Aufschlag für 95 % und 99 % bei +95 % bzw. +99 % – praktisch identisch. Die Volatilität ist durch die Erzeugungsleistung bereits so gut abgefedert, dass der Unterschied zwischen hoher und sehr hoher Verfügbarkeit kostetechnisch verschwindet.


No-Go-Analyse: Wo endet die Wirtschaftlichkeit?

Die bisherige Analyse zeigt, was Verfügbarkeit kostet. Für eine vollständige Investitionsbewertung fehlt die Gegenfrage: Ab wann ist der Preis zu hoch?

Strukturelle No-Go-Grenzen

Die härteste Grenze ist physisch, nicht ökonomisch: 2 MW kann ≥ 99 % Verfügbarkeit nicht erreichen – unabhängig von der Speichergröße. Die Erzeugungsleistung reicht bei vier Verbrauchern strukturell nicht aus, um an mehr als 361 von 365 Tagen die Nachfrage zu decken. Das ist keine Frage des Budgets, sondern der Systemarchitektur.

Ökonomische No-Go-Schwelle

Projekte haben in der Regel einen Ziel-Wasserstoffpreis, ab dem die Wirtschaftlichkeit kippt. Dieser Break-Even-Preis hängt vom konkreten Geschäftsmodell ab – als Orientierung sind H₂-Abgabepreise von 6 bis 8 €/kg im aktuellen Marktumfeld üblich, wobei neben dem CAPEX noch Strom, OPEX und Netzentgelte hinzukommen.

Setzt man eine CAPEX-Obergrenze von 5 €/kg als Referenz (was ca. 60 % des Abgabepreises entspräche), ergeben sich klare Grenzen:

Leistung Maximal erreichbare Verfügbarkeit unter 5 €/kg
2 MW ~92 % (CAPEX = 4,92 €/kg bei 4,5 t Speicher)
3 MW ~99 % (CAPEX = 4,25 €/kg bei 4,7 t Speicher)
4 MW > 99,9 % (CAPEX bleibt unter 5 €/kg)

Bei 2 MW ist also bereits die 95-%-Schwelle ökonomisch nicht darstellbar – nicht wegen physischer Unmöglichkeit, sondern weil der Speicherbedarf den Break-Even sprengt. Die 3-MW-Klasse schafft 99 % noch innerhalb des Budgets. Und 4 MW liegt so komfortabel unter der Grenze, dass die Verfügbarkeit praktisch kein ökonomisches Limit hat.

ICR als Warnsignal

Die ICR-Kurve liefert ein früheres Warnsignal als der absolute CAPEX. Wenn der Grenzpreis pro zusätzlichem Prozentpunkt in die Größenordnung des Volatilitätsaufschlags selbst kommt (>0,5 €/kg pro pp), investiert man in eine Region abnehmender Erträge. Bei 2 MW ist dieser Punkt bereits bei 95 % erreicht (ICR = 0,50); bei 3 MW erst bei 98 % (ICR = 0,25); bei 4 MW praktisch nie.


Verfügbarkeitsprämie: Was kostet die Entscheidung für 99 % statt 95 %?

Die Frage, ob ein System 95 % oder 99 % Verfügbarkeit liefern soll, ist keine technische – sie ist eine strategische. Der Ingenieur kann beides dimensionieren. Was die Entscheidung rational machen sollte, ist der Preis:

Leistung CAPEX bei ≥ 95 % CAPEX bei ≥ 99 % Verfügbarkeitsprämie
2 MW 6,12 €/kg nicht erreichbar
3 MW 3,48 €/kg 4,25 €/kg +22 %
4 MW 3,73 €/kg 3,81 €/kg +2 %

Bei 3 MW kostet die Entscheidung für quasi-kontinuierlichen Betrieb einen Aufschlag von 22 % gegenüber dem hochverfügbaren System. Das ist signifikant – aber nicht prohibitiv. Es ist eine bewusste Investitionsentscheidung, deren Gegenwert in 4 Prozentpunkten zusätzlicher Versorgungssicherheit besteht.

Bei 4 MW kostet dieselbe Entscheidung nur 2 %. Der Unterschied zwischen 95 % und 99 % ist hier ein Rundungsfehler im Budget. Wer 4 MW wählt, bekommt quasi-kontinuierlichen Betrieb praktisch geschenkt.

Bei 2 MW stellt sich die Frage nicht: 99 % ist physisch nicht erreichbar. Die Entscheidung für 2 MW ist gleichzeitig die Entscheidung gegen das höchste Verfügbarkeitsregime – unabhängig vom Budget.


Schwellenwert-Analyse: Ab wann lohnt sich der Regime-Sprung?

Die Verfügbarkeitsprämie zeigt, was ein Regime-Sprung kostet. Aber lohnt er sich? Das hängt davon ab, was ein Ausfalltag wert ist – und genau diesen Wert muss man oft nicht kennen. Es reicht, die Schwelle zu kennen, ab der sich die Investition rechnet.

Wir definieren den kritischen VoR (Value of Reliability): die impliziten Ausfallkosten, ab denen ein Regime-Sprung wirtschaftlich rational wird.

Sprung 2 MW 3 MW 4 MW
B → C (85 → 95 %) 0,263 €/kg/pp 0,017 €/kg/pp 0,000 €/kg/pp
C → D (95 → 99 %) nicht erreichbar 0,192 €/kg/pp 0,020 €/kg/pp

VoR in €/kg pro Prozentpunkt Verfügbarkeit. Wenn die realen Ausfallkosten über diesem Schwellenwert liegen, lohnt sich der Sprung.

Die Lesart ist direkt: Bei 3 MW reichen bereits Ausfallkosten von 0,017 €/kg pro Prozentpunkt, damit der Sprung von 85 % auf 95 % wirtschaftlich Sinn ergibt. Das ist eine extrem niedrige Schwelle – praktisch jeder industrielle Wasserstoffverbraucher wird darüber liegen. Der Sprung lohnt sich fast immer.

Der Sprung von 95 % auf 99 % erfordert bei 3 MW schon 0,192 €/kg pro Prozentpunkt – eine Größenordnung höher. Hier wird die Entscheidung projektsensitiv: Für Prüfstände mit moderaten Opportunitätskosten möglicherweise zu teuer; für kontinuierliche Produktionsprozesse mit hohen Stillstandskosten möglicherweise gerechtfertigt.

Bei 4 MW liegt der Schwellenwert für beide Sprünge nahe null – jede noch so geringe Bewertung von Verfügbarkeit rechtfertigt die Investition. Und bei 2 MW ist der Schwellenwert B→C mit 0,263 €/kg/pp so hoch, dass er den Sprung nur für Verbraucher mit erheblichen Ausfallkosten rational macht.

Der Vorteil dieses Ansatzes: Man braucht keine spekulative Schadenskostenschätzung. Man liefert die Schwelle – und der Projektentscheider vergleicht sie mit seiner eigenen Bewertung der Ausfallkosten.


Fazit: Fünf ökonomische Perspektiven auf Volatilität

ICR – die Ableitung der Pareto-Front. Sie zeigt, wo zusätzliche Investition effizient wirkt und wo sie verpufft. Bei 3 MW liegt der Sweetspot zwischen 85 % und 95 %: hoher Verfügbarkeitsgewinn bei marginalen Mehrkosten. Bei 4 MW ist die gesamte Kurve flach – Verfügbarkeit kostet hier kaum etwas extra.

Regime-Kosten – die Entscheidungsmatrix. Drei Leistungsklassen, drei Verfügbarkeitsregime, eine klare Empfehlung pro Anforderungsprofil. Und eine harte Grenze: 2 MW kann 99 % nicht erreichen.

Volatilitätsaufschlag – der Preis der Realität. Jede Konfiguration zahlt mindestens +73 % gegenüber dem theoretischen Minimum. Aber dieser Aufschlag ist bei der richtigen Leistungsklasse erstaunlich stabil über einen weiten Verfügbarkeitsbereich.

Verfügbarkeitsprämie – das Preisschild für strategische Entscheidungen. Der Unterschied zwischen 95 % und 99 % beträgt bei 3 MW +22 %, bei 4 MW nur +2 %. Diese Zahl gehört ins Investitions-Memo, nicht in die Ingenieursspezifikation.

Kritischer VoR – die Entscheidungsschwelle ohne Spekulation. Statt Ausfallkosten zu raten, liefern wir den Schwellenwert. Bei 3 MW lohnt sich der Sprung auf 95 % ab 0,017 €/kg pro Prozentpunkt – eine Schwelle, die fast jeder industrielle Verbraucher überschreitet.

Alle drei Perspektiven operieren auf dem 4-Verbraucher-Referenzmodell aus Teil 1. Doch wie verändern sich diese Kosten, wenn die Nachfragestruktur selbst variiert – mehr Abnehmer, glattere Profile, andere Volatilität?